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Wenn eine pinke Karte vor dem Zwinger hängt,
ist der Hund in der „Gefahrenklasse“
Zwei ehemalige Tierpfleger des
Tierversuchsauftragslabors Huntingdon Life Sciences gaben
SHAC ein Interview über Hundeversuche bei HLS
von Melanie Bujok
Jedes längere Gespräch über Tierbefreiung gelangt zumeist
irgendwann zu derselben Frage, die stets mit einem Schweigen
ob der fehlenden Antwort endet: Wie kommt das Mitleid in die
Menschen? Und wie kann sein Fehlen erklärt werden? Welche
sozialen Prozesse bedingen, dass dem einen Menschen der
Körper zittert, das Atmen schwerfällt, das Herz zerreißt
beim Anblick oder der bloßen Kenntnis von Leid, und der
andere unberührt bleibt? Diese Gespräche kamen mir in
Erinnerung, als ich den neuesten Enthüllungsbericht von SHAC
las. Wenige Menschen sind berührt vom gesellschaftlich
organisierten Leiden Anderer. Eher noch von
Schicksalsschlägen, die medial aufbereitet dem
Medienkonsumenten einen kurzen Seufzer abringen: „Das hätte
mir auch passieren können.“ An einen Seziertisch gefesselt
zu sein, die Wahrscheinlichkeit, dass einem dies passieren
könnte, mag so gering gesehen werden, dass mit jenen, denen
dies heute systematisch angetan wird, den so genannten
Versuchstieren, kaum mit gelitten wird. Schließlich sei ihr
Leiden auch nicht ihr Schicksal, sondern ihre Bestimmung.
Von Leiden, absichtsvoller Schmerzzufügung – Gewalt –
sprechen die Tierversuchsindustrie und ihre Komplizen selbst
nicht, lieber von „life sciences“. „Hohe
Tierschutzstandards“, die Kontrolle ihrer Einhaltung durch
interne Tierschutzbeauftragte und Behörden und der Einsatz
von Anästhetika machen Versuche am lebenden Tier erträglich,
behaupten sie. Doch betäuben die Tierexperimentatoren wohl
eher ihre eigenen Sinne als das „Versuchstier“.
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„Der Hund wurde auf den Rücken gelegt und einem
Knochen in der Brust Knochenmark entnommen. Das
auszuhalten war nicht leicht. Die zwei Gruppenleiter,
mit denen ich diese Prozedur gemacht habe, betäubten den
Hund nicht genug und der Hund winselte und bewegte sich.
Das war so furchtbar. Sie gaben ihm nicht mehr vom
Betäubungsmittel sondern machten einfach weiter.“
Folter lässt sich nicht schön darstellen
Diese Aussage machte einer von zwei ehemaligen
Tierpflegern von Huntingdon Life Sciences, die kürzlich in
einem Interview mit SHAC über ihre Erfahrungen bei HLS
sprachen. Die zwei Tierpfleger arbeiteten bei HLS zwölf
Monate lang, bevor sie Ende 2005 HLS verließen. Das
Interview wurde als schriftlichter Bericht nun von SHAC
veröffentlicht. (1) Es verwundert wohl nicht, dass der
Vorstandsvorsitzende von HLS, Brian Cass, inzwischen ein
Rundschreiben an alle Geschäftspartner von HLS schickte, in
dem er verlautbaren lässt, dass die ehemaligen Tierpfleger
von HLS entlassen und aus diesem Grund gekränkt gewesen
seien, aber HLS gegenüber nun versicherten, dass SHAC in den
Bericht allerhand hineingedichtet habe, was sie so nicht
gesagt hätten. HLS behalte sich vor, rechtliche Schritte
gegen SHAC einzuleiten. (2) Bitte, ja. Dann kann vor Gericht
der Tonbandmitschnitt des Interviews abgespielt und die
Verschleierungstaktik von HLS vor der Öffentlichkeit
entlarvt werden (HLS wusste laut SHAC nichts von der
Tonbandaufnahme). Und auch, dass die brutale Umgangsweise
mit Tieren bei HLS, die die Undercoveraufnahmen bei HLS von
1989 und 1997 dokumentierten, keine Ausnahme waren, wie HLS
immer wieder äußerte, sondern die Regel sind.
Es gibt auch Aufnahmen jüngeren Datums. 2005 ließ HLS
selbst ein Fernsehteam in den Abteilungen, in denen Hunde
und Affen gehalten werden, filmen, dabei auch Beagles, die
toxische Gase inhalieren mussten. Die Aufnahmen wurden
allerdings nur unter der Bedingung genehmigt, dass am Ende
des Films ausgesagt wurde, die Bilder stammten nicht von HLS.
Die zwei ehemaligen Tierpfleger von HLS versicherten nun,
dass die Bilder allesamt bei HLS gedreht wurden. (3) Trotz
des ersichtlichen Bemühens der gefilmten HLS Mitarbeiter,
vor der Kamera den Schein zu erwecken, mit „Versuchstieren“
würde „behutsam“ umgegangen, so täuschen die Aufnahmen nicht
darüber hinweg, dass das an den Tieren begangene Unrecht aus
der gesamten Versuchssituation resultiert, nicht nur aus
einem besonders brutalen Umgang mit den Tieren. Der Film
schwenkt in einer ersten Sequenz in einen Raum, in dem an
beiden Seiten Käfige aufgereiht sind; in jedem von ihnen ist
ein Affe gefangen. Die Käfige sind aus bloßem Stahl,
lebensfeindlich. An der Decke des Raumes eine
Neonlichtröhre. Ein Tierpfleger holt einen Affen aus dem
Käfig. Der Affe versucht zu entkommen, beißt ihn in den
Handschuh, hält sich am Käfig fest; die Kamera blendet ab.
In einer nächsten Einstellung sieht man mehrere Beagles
nebeneinander aufgereiht. Sie alle sind an ein
Inhalationsgerät angeschlossen. In ihre Lungen werden Gase
geleitet, um deren Giftigkeit zu testen. Eine nächste Szene
zeigt, wie ein Beagle über eine Spritze getötet wird, eine
weitere die entnommenen Organe. Möchte man das Gezeigte
angemessen beschreiben, so mit den Worten Gefangenschaft,
Folter, Mord – nichts, was mit welchen manipulativen Mitteln
auch immer schöngefärbt werden könnte. Wie dumm die
Tierausbeutungsindustrie doch ist. Und wie gleichgültig die
Öffentlichkeit, sich verdummen zu lassen, selbst da nicht zu
zucken, wo das Schlimmste geschieht: Folter. Ist die
absichtsvolle Schmerzzufügung bereits unerträglich – für die
Opfer, aber auch für die mit ihnen Mitleidenden – um so mehr
noch, wenn den Opfern verunmöglicht wird, sich dieser
Gefahrensituation zu entziehen. Es gibt nichts Grausameres,
als gefesselt oder anderweitig immobilisiert zu werden,
gefangen zu sein, während der Körper verletzt wird – also
Folter, so auch Tierversuche. Wie beängstigend, dass Folter
nicht konsequent geächtet und bekämpft wird.
Die Hunde übergaben sich vor Angst
Und dann die Angst davor, dem Schmerz
nicht entfliehen zu können. Die zwei
ehemaligen Tierpfleger von HLS
berichteten, wie die Beagles, die
bereits die Versuchstorturen kannten,
sich ängstigten, wenn die HLS
Angestellten kamen.
„Die besondere Studie, an der ich
teilhatte, testete schmerzstillende
Substanzen vom Pufffisch. Sobald man
den ersten Hund zur Verabreichung
der Dosis herausholte, begannen die
Hunde der Gruppe 4 stark Speichel
abzusondern, ihren Kopf hin- und
herzuschütteln. Und als sie an der
Reihe waren, war ihr Zwinger voller
Speichelabsonderungen und sehr oft
erbrachen sie sich, bevor sie die
Dosis bekamen, weil sie wussten, was
sie erwartete.“
Gruppe 4 (manchmal gar noch Gruppe 5)
war die „Gefahrenklasse“, die Gruppe mit
der höchsten Dosis einer bestimmten
Substanz. Diese wurde in manchen
Testreihen per Kapsel, in anderen
subkutan, oral, als Infusion, auf die
Haut oder in die Augen gegeben. In der
Gruppe 4 und 5 waren Hunde, an deren
Zwinger eine pinke Karte gehängt wurde.
Die Versuchsleiter entschieden, ob der
jeweilige Hund der Gruppe der
Kontrollgruppe (weiße Karte), der Gruppe
2 mit geringer Dosis (gelbe Karte), der
Gruppe 3 mit erhöhter Dosis (blaue
Karte) oder der benannten Gruppe 4 oder
5 mit hoher Dosis zugeteilt wurde, der
Gruppe, die die größten Nebenwirkungen
der Substanzen zu ertragen hat. Ein HLS
Tierpfleger berichtete in dem Interview
von einem Test mit einem Medikament
gegen Krebs, in dem auch eine Gruppe 5
eingesetzt wurde:
„Zwei Tage nach Verabreichung der
Dosis waren die Hunde der Gruppe 5
und teilweise der Gruppe 4 sehr
krank. Als ich am Morgen zu ihnen
kam, war in diesen Gruppen überall
Blut zu sehen. (...) Die Hunde, etwa
fünf von ihnen, waren den ganzen Tag
lethargisch, schieden über den
ganzen Tag hinweg immer wieder Blut
aus, wollten nicht essen, nicht
trinken, sich nicht bewegen (...).
Als ich am nächsten Tag herein kam,
lag einer der Hunde tot in seinem
Zwinger. Ich war sehr aufgebracht
und mir wurde gesagt, ich solle
gehen und mir einen Kaffee holen,
während der Leiter der Gruppe, der
NACWO (Tierschutzbeauftragte), der
Tierarzt und die Versuchsleiter sich
um alles kümmerten.“
Keine Hilfe gegen die
Nebenwirkungen
Der Anpassungsdruck bei HLS ist sehr
hoch, berichteten die ehemaligen
Mitarbeiter. Wer sich nicht in die
Gruppe einfügt, müsse die unangenehmeren
Arbeiten übernehmen. Allerdings seien
viele der Mitarbeiter auch ohne Druck
von außen vollkommen gleichgültig
gegenüber den Tieren. Manche der
Angestellten könnten einfach abschalten,
an ihnen gehe das Leiden der Tiere
vorbei. Anders ließe sich wohl auch
nicht erklären, dass, wie die
Ex-Tierpfleger aussagten, manche
Mitarbeiter die Nadel zum Blutabnehmen
auch dann in den Nacken der Hunde
stachen, wenn dieser bereits
angeschwollen, voller Beulen und
Blutergüssen war. Hielten die Hunde
nicht ruhig, seien sie nicht selten am
Genick gepackt, geschüttelt und
angebrüllt worden. Zudem würde schlampig
gearbeitet, Daten verfälscht,
Bestimmungen nicht eingehalten werden.
Leiden die Tiere unter den
Nebenwirkungen, würden diese nur selten
behandelt werden. Bei den in die Augen
getropften Substanzen z.B. kam es häufig
zu Entzündungen, berichteten die
Ex-Angestellten: Die Augen eröteten,
schwollen an, eiterten, man konnte
manchmal gar das dritte Augenlid sehen.
Die Hunde würden unaufhörlich ihr
Gesicht am Boden oder an den
Gitterstäben des Zwingers reiben, weil
sie juckten; dies machte die
Nebenwirkungen noch schlimmer. Die
Gleichgültigkeit der Labormitarbeiter
gegenüber dem Leiden der „Versuchstiere“
bezeugten die Ex-Tierpfleger auch in
ihrer Schilderung eines
Warzen-Experiments:
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„An den Hunden wurde mit
einem Instrument, das wie eine
‚Pistole‘ aussah, an sechs
Stellen des Bauches etwas
hineingeschossen. Diese Hunde
mussten sediert werden, weil es
ein schmerzhaftes Experiment
war. Diese Prozedur wurde
viermal über einen Zeitraum von
ungefähr sechs bis sieben Wochen
durchgeführt. Dann begannen die
Warzen im Mund der Hunde zu
wachsen. (...) Eine der kleinen
Hündinnen hatte überall an der
Nase und an den Beinen Warzen...
Mir wurde gesagt: ‚Oh, sie wird
in einigen Wochen eingeschläfert
– das macht nichts...‘“
Leichen
in gelben
Säcken
Aber auch
die
Prozeduren
zwischen den
Versuchseingriffen
an den
Tieren sind
für die
Tiere sehr
belastend,
mitunter
qualvoll. So
werden die
Tiere,
abhängig von
der
jeweiligen
Testreihe,
zu
verschiedenen
Zeiten in
Urinierboxen
gesperrt, so
die
Ex-Tierpfleger.
Dies seien
sehr schmale
Boxen, in
denen sich
die Hunde
kaum
umdrehen
könnten. Am
Boden des
Käfigs
befände sich
ein Loch,
durch das
der Urin
abfließt.
Gegen 16.00
Uhr würden
die Hunde in
diese Box
geschlossen
und erst
gegen 8.40
Uhr am
nächsten
Morgen
herausgelassen.
In dieser
Zeit
erhielten
die Hunde
nichts zu
trinken.
Manchmal
geraten sie
mit einer
ihrer Pfoten
in das Loch
und müssen
am nächsten
Tag von
dieser Lage
befreit
werden, sagt
einer der
Tierpfleger.
Fußnoten:
Überlebten
die Hunde
die an ihnen
durchgeführten
Versuche,
werden sie,
so die
ehemaligen
HLS
Tierpfleger,
nach der
Versuchsreihe
getötet, ihr
Körper
auseinander
genommen,
untersucht
und
schließlich
alle
Körperteile
in einen
gelben Sack
gepackt;
nachts
werden die
gelben Säcke
von einem
Transporter
abgeholt, am
nächsten Tag
der
restliche
Kot, Urin,
das
verbliebene
Blut,
Erbrochene
und das
Sägemehl
weggewaschen;
die Hunde
für die neue
Testreihe
werden
geliefert,
ihnen wird
die Nummer
von HLS in
ihr Ohr
tätowiert
und sie auf
die Zwinger
aufgeteilt:
mit weißen,
gelben,
blauen und
pinken
Karten. (4)
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