Die Geschichte von James
Sieben Monate lang arbeitete Michelle Rokke als
Undercover-Agentin innerhalb von Huntingdon Life
Sciences – als einziges Signalfeuer des Mitleids in
einer ansonsten gewalttätigen Umgebung. Michelle wurde
Augenzeugin der Frustration, des Horrors und der Folter,
die das Leben der Tiere bestimmen, die in diesem „Forschungs“-Labor
gefangen gehalten und täglich vergiftet werden.
An den meisten Tagen tat Michelle nach der Arbeit etwas,
das die meisten von uns für emotional unmöglich halten
würden – sie durchlebte das Leiden des Tages noch
einmal, indem sie in ihrem privaten Tagebuch die
Gräueltaten, die sie gesehen hatte und den Schmerz, den
sie gefühlt hatte, festhielt. ihre Tagebucheinträge
dokumentieren ein klares und detailliertes Muster von
schrecklicher Gewalt gegen Tiere und illegaler
betrügerischer Wissenschaft. Diese Tagebucheinträge,
zusammen mit Fotos und undercover- Videobeweismaterial
brachten HLS fast dazu, ihre Tore dauerhaft zu
schließen.
Ihr Tagebuch enthält über einhundert Seiten
herzzerreißende Geschichten und ist unmöglich am Stück
zu lesen. Die Geschichte von James ist eine der
berührendsten und traurigsten in diesem Tagebuch. Wir
sind Michelles Tagebuch durchgegangen und haben alle
Passagen, die sich mit James beschäftigen, in
chronologischer Reihenfolge angeordnet.
Die Geschichte von James ist tief berührend und
beunruhigend. Sie dreht sich um die unbegreifliche
Verbindung zwischen einem neugierigen kleinen „Labor“-Affen
und seiner einzigen Hoffnung auf Sicherheit – Michelle.
Die zärtlichen Momente, die sie teilten, werden von
James’ psychologischem Verfall als Opfer grausamer
Misshandlung überschattet. Michelle war in der Lage, die
einzige Form von Liebe und Trost bereitzustellen, die
dieser kleine Primat in seinem kurzen Leben kennen
lernen sollte.
James ist nun tot, aber sein Tod muss nicht umsonst
gewesen sein. Es gibt jetzt in diesem Moment einige
hundert andere Affen wie ihn bei HLS – für die KEINER
die wenigen, seltenen Momente der Güte schafft, die
James hatte. Es liegt an jedem und jeder von uns, heute
und jeden Tag zu handeln, bis die Türen von Huntingdon
Life Sciences sich für immer schließen.
KAPITEL EINS – NOVEMBER
21. 11. 1996
Donnerstag
HLS
Ich war in Raum 957. Dort befindet sich ein männlicher
Affe, Nr. 6988, der sich an die Käfigstäbe krallt,
während er auf die Tür schaut. Er ist sehr neugierig und
war der enizige Affe, der nicht in den hinteren bereich
des Käfigs zurück sprang, als ich hineinkam.
28. 11. 1996
Donnerstag
HLS
Ich ging in Raum 957, der zur Procter & Gamble-Studie
gehört, um einige Fotos zu machen. Die Primaten haben
alle sehr viel Angst vor Menschen und springen in den
hinteren Käfigbereich, wenn sich die Tür öffnet. Die
ersten Affen, die bemerken, dass die Tür sich öffnet,
stoßen einen Warnschrei für die anderen aus, und der
Raum hallt von aufgeregten Schreien wider.
Alle Affenkäfige sollten mit „Anregungs“- Spiegeln
ausgestattet sein, und diejenigen Primaten, die genug
Glück hatten, einen zu bekommen, benutzen ihn zu ihrem
Vorteil. Sie sind so schlau, sie benutzen die Spiegel
nicht, um ihre eigenen Spiegelbilder anzuschauen,
sondern sie benutzen sie, um mitzubekommen, was in
verschiedenen Teilen des Raumes vor sich geht. Sie
beobachten verstohlen jeden, der in den Raum geht, tun
so, als seien sie nicht interessiert, verpassen aber
kein Detail. Nr. 6988 ist anders als der Rest. Er bleibt
tapfer vorn im Käfig, seine Füße auf den Stäben, während
er auf dem einsamen Sitzstange hockt. Seine Hände sind
immer um die Stäbe gekrallt, in der Nähe seines Kinns.
Ich gab ihm eine Erdnuss und er nahm sie mir sanft aus
der Hand.
KAPITEL ZWEI – DEZEMBER
7. 12. 1996
Samstag
HLS
Ich putzte den P&G-Raum, 3314. Ich habe begonnen, das
freundliche Männchen in 957 ‚James’ zu nennen. Er ist
immer so neugierig, hat keine Angst. Die Affenkäfige
werden gesäubert, während die Affen darin bleiben, und
die meisten der Affen klammern sich im hinteren Teil des
Käfigs fest, so hoch, so weit weg vom Wasser, wie sie
nur können. Wenn ihnen das Wasser zu nahe kommt, machen
sie ängstliche Gesichter und versuchen, wegzukommen,
wobei sie panisch schreien. Als ich James’ Käfig
säuberte, blieb er auf der Sitzstage in seiner üblichen
Position und sah dabei zu, wie der Dreck aus der
Käfigpfanne entfernt wurde. Er mag es, das Wasser zu
beobachten und heute hat er Wassertropfen vom Käfig
geleckt, als ich mit dem Saubermachen fertig war. Ich
hielt den Schlauch nach oben, und er fing die Tropfen
mit seiner Zunge auf. Die Affen tun mir Leid – sie haben
soviel Angst vor Menschen, fast alle von ihnen sind sehr
eingeschüchtert, wenn Leute bei ihren Käfigen stehen
bleiben. Ich bin nicht sicher, wieso dieser kleine Kerl
so anders ist, aber sicherlich gehört er nicht hierher.
Keiner von ihnen gehört hierher.
8. 12. 1996
Sonntag
HLS
Ich machte Raum 3314 sauber. In einigen der Käfige
fehlen die „Anregungs“- Spiegel, die in jedem Käfig sein
sollten.
In Raum 957 war James freundlich und neugierig wie
immer. Einige andere Affen nehmen ein „Leckerli“ aus
meiner Hand, aber die meisten von ihnen kommen nicht in
den vorderen Teil des Käfigs, wenn ich dort bin.
All diese Affen sind so traurig. Sie leben isoliert in
winzigen Käfigen ohne irgendeine mentale Stimulation
oder Gesellschaft. Ich glaube, der Grund dafür, dass
James immer vorn an seinem Käfig hängt, ist, dass er so
einsam und verängstigt ist. Er gehört nicht in diesen
Käfig in diesem Labor und er weiß das.
15. 12. 1996
Sonntag
HLS
In 3314 machte ich Fotos von James. Es ist schwierig,
die anderen Affen zu fotografieren, weil sie so
verängstigt sind, dass sie nach hinten in den Käfig
springen und sich zur Käfigwand drehen. James ist immer
vorn in seinem Käfig und schaut sehnsüchtig auf die Tür.
Er sieht so traurig aus. Er zeigt Interesse an den
Dingen, die ich ihm zeige, wie den Schlauch und meinen
ID-Button, aber mir scheint, er sieht sie nur an, weil
es nichts Besseres zu tun gibt.
21. 12. 1996
Samstag
HLS
In Raum 957 rennt mein freundlicher kleiner Affe, der an
der Käfigtür hängt, mich seine Hand streicheln lässt und
Wassertropfen aus dem Schlauch trinkt, nun nervös durch
seinen Käfig. Ich konnte kein Foto von ihm machen, weil
er soviel herumrannte. Ich konnte nicht herausfinden,
wodurch sich seine Persönlichkeit in einigen wenigen
Tagen so verändert hatte. Später sah ich auf der
Verhaltenstabelle, dass ihm am Tag vorher zum ersten Mal
eine Magensonde gelegt worden war.
Wo ich vorher Einsamkeit sah, sehe ich nun Angst, die an
Hysterie grenzt. Ein Erkennen, dass das, was für diesen
kleinen Affen eine schlimme Situation war, sich nun in
seinen größten Alptraum verwandelt hat.
28. 12. 1996
Samstag
HLS
James hing wie üblich an der Käfigtür und starrte
sehnsüchtig die Tür an. Als ich vor seinem Käfig
innehielt, drehte er sich um und sah mir in die Augen.
Sein Gesichtsausdruck verriet tiefe Kontemplation. Er
betrachtete jeden Teil meines Gesichtes, legte den Kopf
schief und gurrte leise. Wir sahen uns lange gegenseitig
in die Augen und zu meiner Überraschung streckte dieser
kleine Affe seine Hand aus und berührte meine Stirn. Er
streichelte sie einmal sanft und betrachtete die
Haarsträhne, die aus meiner Schutzhaube hing. Zu meiner
Überraschung begann er, mich sanft zu kämmen, er bewegte
seine Finger sanft durch meine Haare und hielt nur kurz
inne, um näher an die Käfigstäbe zu kommen, die uns
trennten.
Nach einigen Minuten sagte ich ihm, dass er jetzt an der
Reihe sei, und er hörte auf und bot mir seinen Kopf dar.
Als ich meine Finger durch sein babyweiches Fell
bewegte, wobei ich seine Bewegungen zu imitieren
versuchte, hatte ich das Gefühl, ihn schon immer zu
kennen.
29. 12. 1996
Sonntag
HLS
Zum ersten mal seit Monaten freue ich mich darauf, zur
Arbeit zu gehen. ach gestern habe ich das Gefühl,
endlich einen Freund im Labor zu haben. Als ich den Raum
betrat, hing James wie üblich vorn an seinem Käfig und
starrte die Tür zum Korridor an. Als ich vor ihm kniete,
streckte er sofort seine Hände nach mir aus und begann
ungeduldig an meiner Schutzhaube zu zerren, um mehr von
meinem Haar herauszuholen. Er bewegte seine Finger über
meinen Kopf und ich kann nicht anfangen, zu beschreiben,
was für ein wunderbares Gefühl das war. Die Verbindung
zwischen mir und diesem Affen ist mit nichts zu
vergleichen, was ich vorher empfunden habe. Dass er mir
vertraut, wo ich in meinem weißen Laboranzug und meiner
Schutzhaube genau aussehe wie die anderen Techniker, ist
schlicht unglaublich. Es mag daher kommen, dass ich mich
anders verhalte als die anderen Techniker. Ich habe mir
immer die Zeit genommen, „Hallo“ zu sagen, wenn ich mit
ihm allein im Raum war, und ich achte darauf, ihn nicht
mit Wasser zu bespritzen, wenn ich seinen Käfig
saubermache. Ich denke, er weiß, dass ich anders bin als
die anderen Angestellten, dass ich dort bin, um ihm zu
helfen – nicht, um ihm weh zu tun.
KAPITEL DREI – JANUAR
01. 01. 1997
Mittwoch
HLS
Habe 3314 saubergemacht. Mein kleiner James war heute
morgen ziemlich fertig. Er hing vorn am Käfig, wie
immer, aber er wollte mich nicht ansehen. Er nahm
Popcorn aus meiner Hand, als ich es anbot, aber er war
sehr abwesend. Ich schaute auf den Raumplan, um zu
sehen, ob er eine weitere „Gewöhnung“ ans EKG oder
Magensonde hatte durchmachen müssen, aber der Plan war
schon weggenommen und durch einen neuen ersetzt worden.
04. 01. 1997
Samstag
HLS
3314 saubergemacht. Nr. 6698, ab4a, -- James, sah mir in
die Augen, als ich vor seinem Käfig kniete. Er streckte
die Hand aus und begann mich zu kämmen. Ein paar
Strähnen meines Haares hingen aus der Haube und er
begann, es sanft durchzukämmen. Als ich meine Hand
ausstreckte, zwickte und streichelte er meinen Arm und
meine Hand. Er glättete meine Augenbrauen. Dann streckte
er sich aus, sodass ich ihn streicheln konnte.
Als ich mit Saubermachen fertig war, bot ich ihm eine
halbe Orange an. Er wollte sie nicht nehmen, also
steckte ich sie in den Käfig und quetschte sie durch sie
Käfigtür, wo er saß. Er sah mich an und leckte und
knabberte an der Orange, während ich sie hielt. Für
einige Minuten hielt er die Orange nicht selbst, sondern
aß nur, während ich sie für ihn festhielt. Er war so
sanft, als er sie aß. Obwohl seine Zunge meine Hand fast
berührte, wusste ich, er würde mich nicht beißen.
05. 01. 1997
Sonntag
HLS
James war im Stress. Er starrte die Tür an und rüttelte
verzweifelt an seiner Käfigtür. Dann sah er mir in die
Augen und begann mich zu kämmen.
25. 01. 1997
Samstag
HLS
Ich schaute ins Beobachtungsbuch für 96-3314 und sah,
dass bei James in den letzten sieben Tagen rückgängige
Aktivität und abgezehrte Erscheinung eingetragen waren.
Ich ging am Ende des Tages hin, um ihn zu sehen. In Raum
958 war Blut abgenommen und gespritzt worden, kurz bevor
ich hineinging. Er saß in einer aufrechten
Embryonalstellung, sein Kopf tief unten. Als er die Tür
ins Schloss fallen und alle anderen Affen schreien
hörte, zeigte er die Zähne auf ängstliche, unterwürfige
Weise. Ich hatte das schon viele Affen tun sehen, aber
noch niemals James. Er betrachtete mich, während ich bei
seinem Käfig kniete, und starrte dann wieder auf seine
Füße. Er bewegte sich etwas näher zum Fütterungsloch
hin. Ich streckte eine Hand hinein und streichelte
seinen Rücken. Er schaute mir in die Augen und als er
sah, dass ich nichts tun konnte, außer zurückzuschauen,
schloss er die Augen und kauerte sich wieder zusammen.
26. 01. 1997
Sonntag
HLS
Ich wollte James heute nach der Medikation sehen. Er saß
in genau der gleichen Position da wie gestern. Er zeigte
mir das ängstliche, unterwürfige Grinsen wieder und als
ich bei seinem Käfig kniete, neigte er den Kopf auf die
Brust und kauerte sich in einer aufrechten
Embryoposition zusammen. Ich rieb seinen Rücken durch
das Fütterungsloch, aber ich konnte ihn nicht dazu
bringen, mich anzusehen. Seine Hände waren fest geballt
und er krallte sie um seine Knöchel. Es bricht mir das
Herz, ihn so zu sehen. Er ist so verängstigt.
Ich versuche, mir vorzustellen, wie es wäre, James ohne
Stäbe zwischen uns zu besuchen. Ich versuche ihn mir in
einer natürlichen Umgebung vorzustellen, wo er sein
Leben ohne Angst und Schmerz leben kann. Ich schließe
die Augen und ich kann ihn am Ast eines wunderschönen
Baumes hängen sehen statt der kalten Stahlstäbe seines
Käfigs. Ich versuche, mich nicht zu fragen, ob er sich
mir nähern würde, wenn er im Leben mehr hätte als die
Betonwände eines Laboratoriums. Es kümmert mich nicht –
der Gedanke an James frei und glücklich und sicher ist
wichtiger als mein eigenes Bedürfnis nach seiner
Gesellschaft.
29. 01. 1997
Mittwoch
HLS
[Während des EKGs] James zeigte wieder sein
unterwürfiges Grinsen während der ganzen Festbinde –
Prozedur, und als er einmal angebunden war, lag er still
und starrte in den leeren Raum, als wenn er nicht
wirklich da wäre. Sein Blutdruck und Puls waren merklich
niedriger als bei den anderen Primaten.
KAPITEL VIER – MÄRZ
22. 03. 1997
Samstag
HLS
James saß ganz zusammengekrümmt beim Fütterungsloch, als
ich hinging, um ihn zu sehen. Er streckte seine Hand
sofort nach mir aus, und als ich vor ihm kniete, krümmte
er sich wieder. Ich weiß nicht, ob er krank ist und
deshalb diese Schonhaltung einnimmt, oder ob er sich
„nur“ elend fühlt. Er ließ mich seinen Rücken streichen,
aber er nahm nicht das „Leckerli“, das ich ihm anbot.
Ich kann nicht abwarten, dass die Procter & Gamble-
Studie endlich vorbei ist. So sehr wie ich James liebe,
so sehr erwarte ich, dass das Elend der Tests für ihn
vorbei ist. Ich weiß, dass ich nichts tun kann, um ihm
zu helfen, und ich wünsche mir jeden Tag, dass die
Testsubstanz ihn tötet, sodass das Leid endlich vorbei
ist. Das einzige, was mich an diesem Punkt weitermachen
lässt, ist die Hoffnung, dass, wenn die Öffentlichkeit
erfährt, wie unzuverlässig Tierversuche sind, vielleicht
keine Tiere mehr leiden und sterben müssen. Firmen wie
Procter & Gamble, die James gekauft und in ihrer
Folterkammer versklavt haben, werden zugeben müssen, wie
sinnlos Tierversuche sind. Sie werden alte Gesetze
ändern müssen, um Mensch und Tier zu schützen.
23. 03. 1997
Sonntag
HLS
James saß in Embryonalstellung, wie üblich, und grinste
mich unterwürfig an, als ich hineinging – dann sah er
mich nachdenklich an. Er ließ mich seinen Kopf
streicheln und streckte seine Schultern zurück, sodass
ich seinen Bauch und seine Brust streicheln konnte. Alls
ich seine Wange berührte, lächelte er ein wenig. Als ich
aufstand, fiel er wieder in Embryonalstellung und ließ
den Kopf hängen.
29. 03. 1997
Samstag
HLS
Etwa um 14:30 ging ich zu James. Es war seit der
Medikation knapp eine Stunde vergangen, und er war noch
ganz aufgeregt. Er saß angespannt auf der Sitzstange
seines Käfigs als ich hineinging, und er grinste
unterwürfig und humpelte zurück, als ich mich näherte.
Er kam wieder nach vorn, als ich mich davor kniete und
in den Raum starrte. Er ließ mich für eine Weile sein
Bein streicheln, aber als ich seinen Bauch kraulte,
begann der Affe im Nebenkäfig, an den Gitterstäben
zurütteln und dabei wild zu schreien. Der ganze Krach
erschreckte James, und er krümmte sich wieder in seine
Embryostellung. Er hat mich heute nicht ein einziges Mal
angesehen.
30. 03. 1997
Sonntag
Bin heute zu James gegangen. Er hing an der Käfigtür und
grinste unterwürfig, bevor er mich ansah. Er ließ den
Kopf hängen und ich streichelte seinen Rücken. Er legte
den Kopf zurück, damit ich seine Brust streicheln
konnte. Ich sagte ihm, dass er zu weit weg war, als dass
ich ihn berühren konnte. Er stand auf und ging nach
hinten in den Käfig. Als er zurückkam, setzte er sich so
nahe an die Käfigtür, wie er nur konnte. Ich rieb seine
Arme und Beine und seine Brust für ein paar Minuten.
James legte den Kopf zurück, öffnete leicht den Mund und
schaute an die Käfigdecke. Der abwesende Ausdruck auf
seinem Gesicht lässt mich denken, dass es für ihn
schwieriger wird, Zärtlichkeit für einige wenige Minuten
zu erkennen, als sie jemals überhaupt zu erkennen. Ich
glaube, die meisten von uns kennen diesen Trick – sich
distanziert und nonchalant verhalten, weil es dann
vielleicht weniger wehtut, wenn jemand, den wir lieben,
gehen muss.
KAPITEL FÜNF – APRIL
13. 04. 1997
Sonntag
HLS
Als ich heute zu James ging, starrte er in meine Augen
und dann auf seine Füße, als ich ihm Lebwohl sagte. Die
meisten Affen in 3314, auch James, werden diesen
Donnerstag und Freitag getötet. An ihnen werden jetzt
alle möglichen Bluttests und EKGs gemacht, wo die Studie
dem Ende entgegen geht, und ich habe ihm gesagt, dass
ich ihn wahrscheinlich nicht noch einmal sehen kann. Als
ich ihm das sagte, kam er zur Tür und drückte sein
ganzes Gesicht gegen die Stäbe, wobei er mich anstarrte.
Ich streichelte über seine Wange und flüsterte etwas zum
Abschied. Als ich aufstand und er sich wieder in
Embryostellung zusammenkauerte, begriff ich – zu spät –
dass er sein Gesicht in Erwartung eines Kusses
vorgestreckt hatte.
17. 04. 1997
Donnerstag
HLS
An der Tür zur Procter & Gamble-Studie hängt der Plan
zur Einschläferung der Affen. Acht Affen werden für eine
Erholungsperiode am Leben gelassen. Vier Kontrollaffen
und vier der „Gruppe 5“ – zwei von jeder Gruppe für
jeden Raum. James wird Freitag eingeschläfert.
Stephanie brachte die Affen in den Einschläferungsraum
und strich ihre Namen auf dem Plan durch, als sie
starben. Den ganzen Tag habe ich sie gesehen, wie sie in
Mülltüten eingewickelte betäubte Primaten durch den
Korridor in den Einschläferungsraum trug.
Stephanie und einer der Abdecker versuchten, eine Vene
zu finden, um einen „Gruppe 1“-Affen einzuschläfern. Ich
konnte sehen, wie der Affe seine Hand zur Faust ballte
und wieder entspannte, als sie suchten. Stephanie hielt
ihn fest und der andere gab die Injektion. Ich habe
schon gesehen, wie Abdecker ein großes Stück aus dem Arm
des Affen hacken, um eine Vene zu finden. Der Abdecker
injizierte dem Affen einen Teil irgendeiner Lösung,
bevor er bemerkte, dass sie nicht hineinging, sondern
nur unter der Haut blieb. Sie nahmen den anderen Arm und
versuchten es noch einmal. Schließlich gelang es ihnen,
die Lösung zu injizieren. Nur ein paar Sekunden später
klopfte der Abdecker dem Affen auf den Kopf und fragte,
ob er tot sei, bevor er wegging. Er verließ den Raum und
Rich kam herein, um die Leichenschau zu machen. Er
beklagte sich, dass Henning das eigentlich machen
sollte, und dass er erst vor ein paar Minuten erfahren
hatte, dass er hier herunterkommen musste. Er tippte die
geschlossenen Augenlider des Affen an und fragte „Bist
du tot?“ und dann schnitt er ihn auf. Er öffnete den
Hals und durchschnitt eine Arterie (Vene?), sah das
Blut, das das Herz herauspumpte, sagte „Der Kerl hier
könnte aber ruhiger sein“ (was hieß, dass der Affe den
Schmerz fühlen konnte), und fuhr fort, an ihm
herumzuschneiden und zu –hacken.
Nach kurzer Zeit war der Primat nicht mehr als eine
flache, blutige Masse, die schnell in einen Mülleimer
geworfen wurde, als Stephanie hineinschaute und fragte,
ob sie schon fertig wären für den nächsten. Ich zwang
mich dazu, ein letztes Mal mit James zu reden. Ich
wollte nicht – ich ging an all den leeren Käfigen mit
den offenstehenden Türen vorbei, deren vorherige
Bewohner jetzt in blutigen Mülltüten im Kühlschrank
liegen. Mein kleiner Freund schaute mich an und streckte
sich aus, sodass ich seinen Bauch noch ein letzes Mal
streicheln konnte, und nahm schnell wieder seine
Embryostellung ein, als ich mich verabschiedete.
19. 04. 1997
Samstag
HLS
Ich ging bei der Procter & Gamble-Studie vorbei. Der
Raum ist bis auf die acht planmäßigen Überlebenden leer.
James ist tot. |
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